
Bunte Legorampen für freie Rolli-Fahrt

Von Peter Budig
Manchmal ist eine Geschichte so rundum gut, so fröhlich, hilfsbereit, integrativ, wie aus dem Lehrbuch des guten Menschen. Wer sie hört, denkt: So kann das Leben, die Welt also auch sein.
Rita Ebel (64) aus Hanau, flotter Kurzhaarschnitt, sportlicher Typ, sitzt nach einem Unfall vor 27 Jahren im Rollstuhl. Laut Statistischem Bundesamt aus dem Jahr 2020 leben 7,9 Millionen Menschen mit schwerer Behinderung in Deutschland. 1,40 Millionen Menschen sind auf einen Rollstuhl angewiesen. Deutschland ist, was barrierefreie Zugänge betrifft, ein Entwicklungsland, das hat Rita Ebel immer wieder erlebt. „Schon eine einzige Stufe vor einem Geschäft, einem Lokal kann zum unüberwindbaren Hindernis werden, wenn man sich allein Zugang verschaffen will“, teilt sie ihre Erfahrungen. Da hörte sie von Corinna Huber aus Bielefeld, die ebenfalls auf den Rollstuhl angewiesen ist. Diese hat wiederum eine tolle, einfache Idee aufgegriffen, die sich Rita Ebel nun zu eigen gemacht hat und weiterentwickelt: Sie baut aus ausrangierten Legosteinen Zufahrtsrampen für Rollifahrer. Niemand würde Rita Ebel, eine aktive Frau als „Lego Oma“ bezeichnen. Nur sie selbst tut es (und die Enkelin) – die Ergebnisse ihrer Arbeit, vielfältig und bunt, kann man auf Instagram unter bewundern.
Bauanleitung in etliche Sprachen übersetzt und weltweit verschickt

Vor ihrem Unfall war Ebel Geschäftsführerin einer Baufirma. Sie kann organisieren, zupacken, ist handwerklich geschickt. 2019 beginnt sie Rampen zu bauen, inzwischen ist die 80. Rampe im Bau, ihren Berechnungen zufolge hat sie 1,8 Tonnen Lego-, bei größeren Rampen auch Duplosteine verbaut. Das Arbeitsmaterial einer Rampe ist einfach beschrieben: Sie benötigt Grundplatten à 25,5 cm und zwei bis vier Noppen breite Grundplatten und einfache Basic-Steine. Es gibt einteilige und zweiteilige Rampen, man benötigt noch eine Kartuschen-Pistole mit Klebstoff, einen Hammer, ein Cuttermesser und einen Zollstock. Alle Rampen werden mit einer Granulatmatte unterklebt (wegen der Rutschfestigkeit). Dann geht das Bauen los: „Die erste Reihe besteht aus flachen Steinen – vier Reihen tief; die zweite Reihe ebenfalls aus flachen Steinen – zwei Reihen tief – versetzt zu den unteren Steinen; als nächstes kommt eine Reihe normaler Basic-Steine – drei Reihen tief“ – so steht’s in ihrer Bauanleitung, die sie in etliche Sprachen übersetzen ließ und inzwischen über 600 Mal quer durch die ganze Welt verschickt hat. Denn das Rampenbauen ist eine Volksbewegung geworden, von Rollifahrern und Angehörigen, von Freunden und Verwandten.
Wochenende ist Bauzeit: Bis zu 50 Stunden Arbeitszeit pro Rampe
„Jeden Tag arbeite ich etliche Stunden am Computer: ich beantworte Anfragen, organisiere Übergaben, verschicke Bauanleitungen, halte Kontakt zu anderen Legorampenbauern; immer mehr Zeit beansprucht die Öffentlichkeitsarbeit.“ In rund 50 Ländern auf allen Kontinenten ist über die Lego-Oma schon berichtet worden. „Gebaut wird am Wochenende, mein Mann und Freunde helfen“, erzählt sie von ihrem aufreibenden Rentnerinnenalltag.
Das Material bekommt sie ausschließlich durch Spenden aus der Bevölkerung. „Von Lego kommt keine Unterstützung“, sagt sie. Inzwischen wird sie von der örtlichen Arbeiterwohlfahrt unterstützt, die gibt Informationen weiter, fungiert auch als offizielle Spendenstelle. „So kann man mal Material kaufen oder die vielen Helfer mal auf eine Pizza einladen“, sagt Rita Ebel.
Rampenbau-Bewegung wächst
Aus den Einzeltäterinnen ist eine bundesweite Bewegung geworden: „Corinna Huber ist auf bestem Wege, Rampen-Königin von Bielefeld zu werden“, schrieb die Westfalenrundschau. „Steine gegen Stufen“ titelt die Süddeutsche Zeitung und erzählte die Geschichte der Münchnerin Christina Peter. Auch sie baut aus Legosteinen bunte Rampen, die sie an Geschäfte verschenkt, um die Stadt ein wenig barrierefreier zu machen. Für Ebel sind die Mitstreiterinnen ein Segen. „Ich bekomme Anfragen von überall her, so die Hessin, „und bin froh, wenn ich an lokale Kolleginnen verweisen kann.“
„Eine zertifizierte Zulassung als Hilfsmittel einer behindertengerechten Rampe“ gibt es nicht, da sie nicht den gesetzlichen Bauvorschriften entsprechen. Die Rampen aus Lego haben dennoch viele Vorteile. Sie sind rutschfest auch für Fußgänger, Wasser läuft ab, sie sind hübsch, bunt und akzeptiert. Manche tragen Firmen- oder Vereinslogos, andere werben mit einem Handy- oder einem Brillengestellmuster für den Laden, dessen Einfahrt sie erleichtern.
Ist Ihr Geschäft barrierefrei?
Machen Sie den Weg frei für Menschen mit Rollstühlen oder Kinderwägen. Schon eine einzelne Stufe wird oft zum unüberwindbaren Hindernis. Eine Lego-Rampe ist eine mobile Lösung, dass alle Menschen sich in Ihrem Geschäft willkommen fühlen.
Über den Autor
Peter Budig hat Evangelische Theologie, Geschichte und Politische Wissenschaften studiert. Er war als Journalist selbstständig, hat über zehn Jahre die Redaktion eines großen Anzeigenblattes in Nürnberg geleitet und war Redakteur der wunderbaren Nürnberger Abendzeitung. Seit 2014 ist er wieder selbstständig als Journalist, Buchautor und Texter. Storytelling ist in allen Belangen seine liebste Form.