Nachhaltigkeit

Kostenfalle droht: Dekarbonisierung jetzt starten

Höchste Zeit für Umstellung auf erneuerbare Energien für Handel und Industrie
Dekarbonisierung jetzt starten

Auch Unternehmen sollten sich daran beteiligen. Sonst wird es teuer. Denn bereits im Kyoto-Protokoll einigte sich 1997 die Staatengemeinschaft darauf, einen Preis für Treibhausgase einzuführen und einen Handel damit zu ermöglichen. 2015 folgte dann im Vertrag von Paris die Verpflichtung, den Anstieg der globalen Temperatur auf deutlich unter zwei Grad des vorindustriellen Niveaus zu begrenzen. Es geht darum, Kosten zu vermeiden. Bereits 2006 hatte der ehemalige Chefvolkswirt der Weltbank Nicholas Stern gefordert, ein Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts für den Kampf gegen den Klimawandel zu verwenden. Andernfalls werde es deutlich teurer, rechnete der Ökonom vor und nannte Werte von fünf bis 20 Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts pro Jahr. Kein Wunder, dass Staaten immer mehr Maßnahmen gegen die Emission der Klimakiller ergreifen und die Emittenten zur Kasse bitten. Das wirkt sich mittlerweile aufs Tagesgeschäft von Unternehmen aus – und der Effekt wird von Jahr zu Jahr größer.

Illustration Möglichkeiten CO2 zu reduzieren

Finanzierung wird teurer

Für Unternehmen geht es daher um mehr als um Umweltschutz, es geht um die Existenz. „Vielen ist das noch nicht so bewusst, aber es wird viel teurer, wenn man nicht dekarbonisiert“, erwartet Florian Huber, Partner bei der Beratungsgesellschaft EY Parthenon und Mitgründer von EYCarbon. Das werde bereits heute bei der Beschaffung von Kapital deutlich, bei Krediten, Anleihen und der Ausgabe neuer Aktien. So betrage der Aufschlag bei Krediten für Unternehmen, die ihre Dekarbonisierung nicht zügig angehen und umsetzen, ein bis zwei Prozentpunkte, hat Huber beobachtet: „Diese Lücke wird sich in den kommenden Jahren vergrößern, bis hin zu ‚nichts geht mehr.‘“ Denn für nicht grüne Kredite müssen Banken mehr Risikokapital hinterlegen. Nichts zu tun, ist laut Huber unternehmerisch Kamikaze.

Weg vom fossilen Kohlenstoff

Allerdings führt der Begriff Dekarbonisierung in die Irre. Dekarbonisierung bedeute nicht, grundsätzlich weg vom Kohlenstoff zu kommen, sagt Andreas Kuhlmann, Geschäftsführer der Deutschen Energieagentur (dena): „In vielen Fällen gibt es keine Alternative zur Produktion aus Kohlenstoff.“ Etwa 15 Prozent des Erdöls werde in Deutschland nicht zur Energiegewinnung sondern stofflich genutzt. Allein die deutsche Chemieindustrie benötige aktuell jährlich rund 17 Millionen Tonnen Kohlenstoff. Kuhlmann spricht daher lieber von Defossilisierung, weg von fossilen Quellen für Kohlenstoff, sowohl in der Produktion als auch bei der Energiegewinnung.

Hoher Investitionsbedarf

Die Umstellung wird teuer. Auf rund fünf Billionen Euro schätzt die KfW die benötigten Investitionen in Deutschland. Aber eine Nicht-Dekarbonisierung würde erheblich teurer werden, warnt Jürgen Landgrebe, Fachbereichsleiter Klimaschutz, Energie und Emissionshandel beim Umweltbundesamt: „Schon heute müsste der CO2-Preis 195 Euro pro Tonne betragen, wenn man die Schäden, die durch den Klimawandel jetzt schon eintreten, einkalkuliert.“ Noch trägt die Gesellschaft die Differenz zum aktuellen Preis. In den kommenden Jahren sollen immer mehr dieser Kosten auf die Verursacher übertragen werden.

Illustration Kompass mit Fokus auf Dekarbonisierung

Der Weg zum dekarbonisierten Unternehmen

Sechs Ansätze hat Berater Huber für die Dekarbonisierung ausgemacht, plus einen, der eigentlich nur eine Zwischenlösung ist. Wer die Dekarbonisierung richtig umsetzen will, muss alle angehen.

1. Effizienter und effektiver:

„Klassische Optimierung“, nennt Huber das. Also das, was Unternehmen ohnehin ständig tun sollten. So genügt in der Produktion unter Umständen eine Temperatur von 60 Grad statt der bislang genutzten 80 Grad. Es geht aber auch darum, das Verhalten im Betrieb zu verändern. Weniger fliegen, mehr Homeoffice.

2. Strom und Wärme: 

Für die CO2-Bilanz eines Unternehmens ist die Umstellung auf Strom aus erneuerbaren Energien ein kleiner Schritt mit großer Wirkung. Aber Stefan M. Büttner, Leiter globale Strategie und Wirkung am Institut für Energieeffizienz in der Produktion (EEP) an der Universität Stuttgart, warnt: „Gesellschaftlich ist das ein Nullsummenspiel, wenn die Industrie den ganzen Grünstrom nimmt. Denn damit entspringt der Durchschnittsstrommix für alle anderen Abnehmer zu 100 Prozent aus fossilen Energieträgern.“

Bezieht das Unternehmen weiter konventionellen Strom oder Wärme, hat es eine andere Möglichkeit. „Durch den Kauf von Renewable Energy Certificates kann es sich auf dem Papier karbonneutral stellen“, erklärt Huber.

Die dritte und wirksamste Variante ist die Eigenproduktion von Strom aus erneuerbaren Energien.

Das Thema Wärme geht im Vergleich zum Strom oft unter. „In Anbetracht der Tatsache, dass knapp zwei Drittel des industriellen Endenergieverbrauchs für Prozesswärme benötigt werden, wird dieses Potential noch viel zu wenig adressiert und die wertvolle Abwärme daraus kaum genutzt“, hat Büttner beobachtet.

3. Technologische Innovation: 

Häufig können Unternehmen Prozesse im Arbeitsablauf umstellen. Zu einer modernen Technologie zu wechseln, spart Emissionen. „In Deutschland haben Prozessemissionen einen Anteil von ungefähr einem Drittel der Gesamtemissionen“, nennt Büttner eine Größenordnung.

4. Innovation des Geschäftsmodells: 

Zahlreiche Geschäftsmodelle könnten Unternehmen so verändern, dass weniger Emissionen entlang der Wertschöpfungskette entstehen. „Dabei entstehen viele kreative Ideen, beispielsweise Weihnachtsschmuck saisonal vermieten“, sagt Huber.

5. Zirkular statt linear: 

Immer mehr Produkte werden nicht mehr verkauft, sondern nur noch zur Verfügung gestellt. „Die Unternehmen verkaufen nur noch die Wertschöpfung durch on-demand- und as-a-service- Modelle“, erklärt Huber.

6. Eigene Wertschöpfung verkürzen und grün einkaufen: 

Das Prinzip ist einfach, erläutert Huber: „Ich kaufe extern ein und zwinge die Zulieferer, grün zu sein.“ Die Zulieferer der Automobilindustrie und der Chemiebranche bekommen diese Variante bereits stark zu spüren.

Plus 1 Kompensationen: 

Gelingt die Dekarbonisierung nicht vollständig, bleibt noch der Kauf von Zertifikaten, die an ein Projekt gekoppelt sind, das CO2 oder andere Treibhausgase bindet. Aber die Kapazitäten sind endlich. „Ein normales Unternehmen muss auf null runter“, macht Huber deutlich. Außerdem zeigt die Preisentwicklung für Emissionsrechte an den Börsen bereits heute, dass diese Strategie teuer werden kann.

Schnell handeln, Fördermittel nutzen

Für Unternehmen wird die Umstellung teuer. Aber einen Teil der Kosten - manchmal deutlich mehr als die Hälfte - erhalten sie oft über Fördermittel. So hat die Europäische Union mehrere Programme aufgelegt. Erste Ansprechpartner finden Interessierte beim Enterprise Europe Network. Auch Staaten, Regionen und Gemeinden unterstützen häufig Industrie- und Gewerbebetriebe. Unternehmerverbände, Berater und – in Deutschland – Industrie- und Handelskammern helfen ebenfalls, die Finanzierung zu optimieren.

Wichtig ist, aktiv zu werden und den First-Mover-Effekt zu nutzen. Denn je später ein Unternehmen die Dekarbonisierung angeht, desto größer das Risiko, an einem wichtigen Faktor zu scheitern, weiß Huber: „So viele Ingenieure, Kräne und Arbeiter, wie man für die Umstellung braucht, gibt es gar nicht.“

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