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Expertenwissen für DVSI-Mitglieder

Der Deutsche Verband der Spielwarenindustrie (DVSI) sieht sich als „Generalist“ und Experte für alle Belange der Spielwarenindustrie.

Der Verband nutzt aber auch das Wissen von derzeit 13 externen Experten, die aufgrund ihres routinemäßigen Umgangs mit speziellen Themen große Erfahrung, erstklassiges Knowhow auf ihrem Gebiet und eine hohe Reputation haben. Das Spektrum reicht von Arbeitsrecht über Entsorgungsthemen bis hin Zollabwicklung/Zollverfahren und Nachhaltigkeit. Der Verband stellt diese Expertn in loser Folge vor.

In Folge 1 wird der promovierte Chemiker Tristan Gollnest vorgestellt, der das externe DVSI-Expertenteam seit diesem Jahr mit der ökologischen Materialbewertung verstärkt

Herr Gollnest, seit diesem Jahr zählen Sie mit Ihrem LEFO-Institut zum Experten-Team des DVSI. Wo liegen Ihre Tätigkeitsschwerpunkte?

Tristan Gollnest

Unser beruflicher Alltag wird noch durch Kunden aus dem Nahrungsergänzungsmittelsegment geprägt. Der über Jahrzehnte gewachsene Kundenstamm schätzt die persönliche Atmosphäre und die Möglichkeit einen Ansprechpartner zu haben, der sich sowohl um deklarative als auch analytische Fragestellungen kümmert. Dieses Konzept versuche ich auf den Spielwarenbereich zu übertragen, für den ich bei LEFO alle Methoden etabliert und entsprechende Erfahrungen mit den Tücken der chemischen Untersuchungen gesammelt habe. Ergänzend beraten wir vor allem KMUs bei der Auswahl von auf das jeweilige Produkt zugeschnittenen Prüfverfahren, unterstützen bei deklarativen Fragen vor der Markteinführung von Produkten oder geben Empfehlungen zu Materialsubstitutionen aufgrund von Umweltaspekten.

Welche Dienstleistungen bieten Sie DVSI-Mitgliedern, die über eine reine Qualitätsprüfung von Bedarfsgegenständen, sprich Spielzeug hinausgeht?

Tristan Gollnest:

Gerade die Ökobewegung bringt viele neue Aufgaben mit sich. Dazu zählen nicht nur die Bewertung von Green-Claims, Einschätzungen zu bestimmten chemischen Verbind­ungen, Vor- und Nachteile von Biokunststoffen, sondern auch Risikoeinschätzungen bei der Ver­wendung neuer Materialien. Durch meine Erfahrungen mit Spielwarenentwicklern, dem Austausch mit Mitarbeiten aus der Produktion und dem Lösen von zahlreichen Hürden bei der Produktreali­sierung aufgrund von Normverletzungen kann ich schon bei einem zeichnerischen Produktentwurf auf mögliche Schwierigkeiten in punkto Spielzeugrichtlinie hinweisen.  

Sie sind Verfechter des Cradle-to-Cradle-Prinzips. Wie können Sie Spielwarenherstellern helfen, die nicht nur über kreislauffähige Produkte nachdenken, sondern alle Bereiche und Prozesse auf den Prüfstand stellen möchte?

Tristan Gollnest:

Mein Schwerpunkt liegt in der Bewertung chemischer Prozesse sowie des Risikos im Herstellungsprozess eines Produktes, aber wenn ein Hersteller kreislauffähige Spielwaren entwickeln möchte, ist ein Kontakt mit intern vorhandenen Prozessen unvermeidlich. Materialsub­stitutionen bedürfen immer Anpassungen im Arbeitsprozess – entweder im eigenen Haus oder bei der Auswahl von Vorlieferanten. Jedem Hersteller muss bewusst sein, dass die Etablierung des Cradle-to-Cradle-Prinzips kein einfaches Unterfangen ist. Jeder sollte daher sowohl aus ökonomischer wie ökologischer Sicht schrittweise agieren. Die Spielzeugnorm EN71-1 kann auch dazu führen, dass der eine oder andere Schritt rückwärts gemacht werden muss. Allerdings arbeite ich generell prozessorientiert und denke langfristig!  

Das Verpackungsthema zählt zu den großen Herausforderungen. Von Jahr zu Jahr steigen die Verpackungsabfälle. Können Sie den DVSI-Mitgliedern Wege aufzeigen, wie man mit weniger auskommt?

Tristan Gollnest:

Ideen gibt es zahlreiche, allerdings existieren zwei Gegenspieler. Erstens: Die Verbraucher! Sie sind eindeutig das „Kernproblem“, denn sie wünschen sich buntes, hochwertiges Verpackungsmaterial. Ohne eine gute Verpackung lassen sich Produkte einfach nicht vermarkten. Farben, Kleber und Verbundmaterialien sind natürlich Gift für effektives Recycling. Hier ist viel Überzeugungsarbeit nötig. Zweitens: Die Anforderungen der Spielzeugrichtlinie schränken die Möglichkeiten etwas ein. Neben den notwendigen deklarativen Bedruckungen muss auch die minimale Dicke von Kunststoffbeuteln berücksichtigt werden. Nichtdestotrotz sind individuelle Lösungen möglich, sei es durch die Umstellung auf Recyclingpappe, die Verwendung von Zellophan oder vergleichbare Produkte.  

Nachhaltigkeit ist das Thema der Stunde, aber so komplex, dass Unternehmen vielleicht gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Haben Sie einen Rat für die DVSI-Mitglieder?

Tristan Gollnest:

So komplex ist das Thema gar nicht. JEDER kann etwas für die Umwelt tun. Allerdings muss man sich als erstes von der Illusion verabschieden, in wenigen Monate alles auf links gedreht zu bekommen. Hersteller kennen ihre Produkte und Prozesse wie kein anderer. Falls aber intern keine Ansätze gefunden werden, können über externen fachlichen Input erste Schritte definiert werden, die sich sukzessive in den Prozess integrieren lassen. Das perfekte ökologische Produkt wird es niemals geben, eine Annäherung ist aber immer möglich. Allerdings darf nicht nur das Produktsegment betrachtet werden. Dienstfahrräder, Bahntickets, PV-Anlage usw. bringen ebenfalls oft ökologische und finanzielle Vorteile.

Last but not least, haben Sie auch schon die elterliche Spielzeugfirma Gollnest & Kiesel auf Nachhaltigkeit getrimmt?

Tristan Gollnest:

Bei GOKI hat mein Interesse an Prozessoptimierungen, Spielzeugsicherheit und Nachhaltigkeit seine Wurzeln. Als Wissenschaftler ist man bei Herstellern eine Rarität, weshalb ein fachlicher Austausch dort eher schwierig ist. Ich muss allerdings gestehen, dass ich mich zuvor mit „Nachhaltigkeit“ nicht sonderlich beschäftigt hatte. Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist es aber extrem spannend, weshalb ich mich gerne in neue Themen einarbeite und mich kritisch mit neuen Entwicklungen auseinandersetze. Glücklicherweise wurde bei GOKI in den letzten Jahren tatsächlich die eine oder andere Idee in Bezug auf Nachhaltigkeit umgesetzt – und auch hier hat sich gezeigt, dass schrittweises Agieren zielführender ist.