Macher

Auf der Höhe der Zeit

Interview mit Sebastian Kornblum, Fachgruppe Holzspielzeug, DVSI
Kinder spielen zusammen im Wohnzimmer mit Spielsachen aus Holz

Spielwarenmesse:

Herr Kornblum, Holzspielwaren liegen im Trend, so zu lesen auf www.gutesholzspielzeug.de. Holzspielzeug ist wieder da, heißt es in einem Trend-Newsletter. Was ist passiert? Vertrauen Eltern in der Krise besonders Klassikern im Kinderzimmer, wenn sonst schon alles unsicher ist?

Portrait von Sebastian Kornblum, Vorsitzender der Fachgruppe Holzspielzeug
Sebastian Kornblum, Vorsitzender der Fachgruppe Holzspielzeug

Sebastian Kornblum: (lacht)

Man sollte in bestimmte Trends nicht zu viel hineininterpretieren. Sie sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das gilt besonders für Holzspielzeug, weil es gerade heute als Projektionsfläche für viele Eltern dienen kann, da es eben aus nachhaltigem Material hergestellt wird. In Deutschland schauen glücklicherweise immer mehr Eltern auf diesen Aspekt.

Spielwarenmesse:

Schon vor der Pandemie wuchs der Markt in Deutschland für Holzspielzeug mit höheren Wachstumsraten als der Gesamtmarkt, so die Rechnung Ihrer Fachgruppe. Ist Plastik, das für die Branche so wichtig ist, aber das Brüssel auf den Kieker hat, auf dem absteigenden Ast?

Sebastian Kornblum: 

Nein. Unserer Rolle als Holzspielwarenhersteller sind wir uns bewusst. Die Marktdynamik zeigt zwar klar nach oben, aber wir bleiben mit den 160 Mio. € und einen Marktanteil von etwa 5% dennoch eine Nische. Kunststoffspielzeug wird nicht einfach verschwinden.

Spielwarenmesse:

Wenn schon nicht verschwinden, aber wie kriegt man ein besseres Image hin?

Sebastian Kornblum:

Bei großen Herstellern gibt es seit ein paar Jahren einen Trend, Kunststoff intelligenter einzusetzen, etwa durch die Verwendung von Bio-Kunststoffen. Nicht alle sind immer nachhaltig, aber wir stehen hier erst am Anfang der Entwicklung, um weniger Ressourcen zu verbrauchen oder das Produkt stärker recyclingfähig zu machen.

Spielwarenmesse:

Wie zum Beispiel?

Sebastian Kornblum: 

Denken Sie an Spielzeug, das aus einem Material-Mix besteht, z.B. aus Holz und Kunststoff. Der Kunststoff muss so eingesetzt werden, dass einerseits der Spielwert erhalten bleibt, aber der Kunststoff so integriert wird, dass sichergestellt ist, dass das Produkt vernünftig recycelt und alle Komponenten gut voneinander getrennt werden können. Bei einem Klemmbausteinhersteller ist das natürlich einfacher als z.B. bei einem Babysortiment, das beispielhaft für Materialmixturen steht.

Spielwarenmesse:

Oder bei einer Brio-Bahn, die ja schon lange auf Crossover setzt!

Sebastian Kornblum: 

Das ist richtig. Diesen Bereich schauen wir uns auch immer ganz genau an, um eine optimale Trennung der Materialien zu gewährleisten. Bei der Eisenbahn ist bei einigen Produkten zwar ein höherer Kunststoffanteil als früher dabei, aber man kann die Materialien relativ gut trennen. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Produktentwicklung als Gatekeeper: Wie gestalte ich ein Produkt, dass ich es später vernünftig recyceln und in den Kreislauf zurückführen kann? Welche Materialien brauche ich dafür? Wenn es ohne Kunststoff nicht geht, wie setze ich es im Sinne nachhaltiger Prinzipien ein? Für die Hersteller von Holzspielwaren sind solche Frage nichts Neues. Im Gegenteil, dort wird schon lange mit neuen Materialien experimentiert. Da sind wir mitunter schneller als so manches Dickschiff der Branche und ich würde sogar so weit gehen, dass wir hier eine Vorreiterfunktion haben.

Spielwarenmesse:

Die Spielwarenbranche denkt um, so Marktforscher Axel Dammler im Toy Business Forum der Spielwarenmesse digital. Nachhaltigkeit sei inzwischen hochrelevant für den Massenmarkt. Droht Ihnen ein Alleinstellungsmerkmal flöten zu gehen? 

Sebastian Kornblum:

Das kann ich so nicht unterschreiben, aber ich teile die Meinung von Herrn Dammler, dass, je mehr Unternehmen auf den Zug springen, desto weniger relevant wird in Zukunft Nachhaltigkeit als Alleinstellungsmerkmal. Allerdings möchte ich zu bedenken geben, dass das Thema in der Spielwarenbranche, so scheint es mir jedenfalls, erst seit kurzer Zeit Fahrt aufnimmt. Themen, die bei unseren Mitgliedern schon seit eh und je auf der Agenda stehen, wie beispielsweise Herstellungs-Transparenz oder faire Arbeitsbedingungen bei Zulieferern, gewinnen an Relevanz. Wenn ich nur an die internationalen Lieferketten denke, dann glaube ich, dass das Thema die Branche noch Jahre beschäftigen wird, bevor Logistik und Lieferketten unter dem Gesichtspunkt Nachhaltigkeit umgestellt worden sind. 

Spielwarenmesse:

Und das heißt für Ihre Mitglieder?

Sebastian Kornblum:

Das heißt, dass die Unternehmen der Fachgruppe Holzspielzeug Zeit haben, weiter an ihrem Profil zu arbeiten und es zu schärfen. Ich sage bewusst nicht, das Profil zu ändern, denn viele der Unternehmen arbeiten seit vielen Jahren nachhaltig. Sie schauen auf die Lieferkette, auf die Herkunft der Materialien, auf die Produktion. Das ist ihre große Stärke und zugleich für uns eine Herausforderung, sie einer breiten Öffentlichkeit klarzumachen. Das versucht die Fachgruppe durch die neue Website, neue Ideen und die Auswahl von Themen. Wir sind nicht Mitläufer, sondern der Vorreiter in der Branche, wenn es um Nachhaltigkeit geht.

Spielwarenmesse:

Im Januar haben Sie die Website gutesholzspielzeug.de gelauncht. Für wen soll die Seite Anlaufpunkt sein? Im Netz wimmelt es nur so von Ratgebern und Content zu Spielzeug und Erziehung, dass man sich fragt, wie Eltern es vor dem Internet geschafft haben, ihre Kinder zu erziehen.

Werbebild zeigt die Website gutesholzspielzeug der Fachgruppe Holzspielzeug, die die zentrale Plattform rund um das Thema Holzspielwaren werden
Die Website gutesholzspielzeug, der Fachgruppe Holzspielzeug, soll die zentrale Plattform rund um das Thema Holzspielwaren werden.

Sebastian Kornblum: (lacht) 

Primäres Ziel der Fachgruppe ist es, Holzspielwaren und ihre Hersteller bekannter zu machen. Wir wollen der erste Adressat bei Journalisten sein, die sich bei uns über das Thema informieren wollen. Zudem wollen wir auch mittelfristig durch den Aufbau von Content Ansprechpartner für Endkunden werden.

Spielwarenmesse:

Dafür muss die Seite aber erst mal bekannt werden, oder?

Sebastian Kornblum:

Das stimmt. Zunächst arbeiten wir erst einmal daran, eine gewisse organische Reichweite zu erreichen, um sie dann sukzessive im Hinblick auf Endkunden auszubauen. Wenn jemand nach Holzspielzeug sucht, soll er bei uns landen. Das ist unser Ziel, aber es bedeutet eben auch, dass wir ein relativ gutes Ranking bei Google brauchen.

Spielwarenmesse:

Drei Projekte springen uns ins Auge, u.a. die Ausstellung „Die Bunte Welt der Holzspielzeuge“ auf der Insel Mainau. Ist Holzspielzeug inzwischen museumreif oder was verbirgt sich dahinter?

Sebastian Kornblum: 

Ganz im Gegenteil! Seit Jahren beteiligen sich verschiedene Spielwarenhersteller an der Winterausstellung, z.B. Brio, Haba oder Siku. 2021 ist es erstmals als konzertierte Aktion der Fachgruppe Holzspielzeug geschehen. Ziel war es jedenfalls nicht, die Geschichte der Unternehmen darzustellen, sondern die ganze Bandbreite aktueller Holzspielwaren zu präsentieren und den Beweis zu führen, dass diese Branche in der Lage ist, auf gesellschaftliche Trends zu reagieren.

Spielwarenmesse:

Die Fachgruppe will durch die Unterstützung einer Organisation einen Beitrag leisten, um Kinder in schwierigen Situationen zu unterstützen. Wie weit sind Sie gekommen?

Ausschnitt von der Website gutesholzspielzeug zeigt Max und Valentin von der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Lautenbach, die mit ihrer Arbeit in der Schreinerei für große Freude bei Kindern sorgen
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Max und Valentin von der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Lautenbach sorgen in der Schreinerei mit ihrer Arbeit für große Freude bei Kindern

Sebastian Kornblum: 

Aktuell sammeln wir Spielzeug für das Projekt „Spielen zu Hause“, das vom SOS Kinderdorf aufgelegt wurde. Dabei handelt es sich um einen niederschwelligen Ansatz der Elternstärkung, bei dem das Augenmerk vor allem auf die Förderung der Spielekompetenz und die Entwicklung einer positiven Eltern-Kind-Interaktion in der frühen Kindheit gelegt wird. Das Konzept ist an bisher acht Standorten in Deutschland etabliert, weitere sollen folgen. Die Fachgruppe unterstützt das Projekt mit zielgruppenadäquatem Spielzeug für Kinder zwischen 1 und 6 Jahren. Ende Februar soll dann die Übergabe erfolgen. Wichtig ist uns, dass es sich dabei nicht um eine einmalige Spende handelt, sondern dass wir die Charity-Aktion langfristig angelegt haben.

Spielwarenmesse:

Die Fachgruppe lädt auch externe Referenten zu Vorträgen ein, die nicht unbedingt im Kontext mit Holzspielzeug stehen. Ist das „Über-den-Tellerrand-gucken“ bei Ihnen Programm?

Sebastian Kornblum: 

Dass unsere Mitglieder Experten bei Holzspielzeug sind, dürfte sich von selbst verstehen. Deshalb wollen wir bewusst andere Akzente setzen. Das haben wir 2021 mit Webinaren oder Impulsvorträgen zu Themen wie gewerblicher Rechtschutz, digitale Händlerunterstützung, C02-Zertfizierungen und Kaufverhalten von Eltern getan. Das aktuelle Programm ist noch in der Planung. 

Spielwarenmesse:

Das Spektrum der Mitglieder reicht von Manufaktur bis zum Global Player. Gibt es in der Fachgruppe keinen Futterneid?

Sebastian Kornblum: (lacht) 

Das mag komisch klingen, aber ich glaube, genau diese Vielfalt ist die größte Stärke der Fachgruppe. Kleine und mittelgroße Unternehmen profitieren von dieser Dialogplattform genauso wie Big Player. Der Erfahrungstransfer findet auf einer sehr kollegialen und kooperativen Basis statt. Die Mitglieder wissen, dass es in der Gruppe Ansprechpartner gibt, die bei bestimmten Fragen helfen können. Die größte Herausforderung ist in unseren Augen, sich in einem im Übrigen auch international wachsenden Markt als Holzspielwarenmarke mit Tradition erfolgreich zu positionieren. Als Fachgruppe hoffen wir, mit unserer Arbeit zumindest einen kleinen Beitrag hierzu leisten zu können.

Spielwarenmesse:

Sebastian Kornblum, wir bedanken uns für das Gespräch.

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Bis Ende August finden Sie auf der Spielwarenmesse Digital weitere Informationen zu den teilnehmenden Herstellern der Produktgruppe Holzspielwaren, Spielzeug aus Naturmaterial. 

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