Macher

Frischer Wind pustet die Modellbahn­branche durch

Zum Tag der Modelleisenbahn
Horst Neidhard, Faller-Chef und Sprecher wirmodellbahner
Horst Neidhard, Faller-Chef und Sprecher wirmodellbahner

Spielwarenmesse:

Herr Neidhard, die Modellbahn braucht vor allem eins: Zeit und Geduld. Jetzt, wo uns Corona davon ausreichend beschert, müsste es der Modellbahn doch richtig gut gehen oder?

Horst Neidhard: (lacht)

Ja, es geht uns richtig gut. Die Entwicklung hat sich aber schon in den letzten Jahren abgezeichnet, weil es uns durch die kommunikative Ansprache und entsprechenden Produkten gelungen ist, verstärkt neue Kunden, besonders jüngere Familien und Wiedereinsteiger, zu gewinnen. Die Corona-Pandemie hat dieser Entwicklung zusätzliche Impulse gegeben.

 

Das Hobby ist ein Gegenentwurf zum Ex-und-Hopp-Konsum in einer sich immer schneller drehenden Welt. Bessere Argumente kann ein Hobby nicht haben. Dringen Sie damit durch und wenn ja, wer sind die Empfänger?

Horst Neidhard:

Ja, ich glaube schon, dass wir inzwischen mit unseren Botschaften besser durchdringen, und zwar nicht nur bei jenen, die schon immer unsere Kunden waren, sondern auch gerade bei Familien und jungen Menschen, die ein Hobby betreiben wollen. Sie wollen in Ruhe zuhause an einem Projekt arbeiten möchten, das sie sich selbst entworfen haben. Wir spüren auch, dass die Clubs wieder mehr Zulauf bekommen, unter denen es einen regen Austausch gibt. Das sehe ich, wenn ich nur die Social Media-Aktivitäten auf Instagram, Facebook oder Youtube betrachte.

Hilft Ihnen dabei auch der Umstand, dass die Modellbahn als pädagogisch wertvolles Spielzeug gilt?

Horst Neidhard:

Ja, definitiv. Kein anderes Hobby vereint so sehr haptisches Spielen, handwerkliches Geschick, Wissensvermittlung über elektrisches Grundwissen oder Radien, digitale Steuerungen mit viel Spaß und generationenübergreifender gemeinsamer Zeit. Ich glaube allerdings, dass bei vielen der Spaß im Vordergrund steht. Der pädagogische Aspekt kann bei dem einen oder anderen jungen Elternpaar eine Rolle spielen, weil sie wertvolle Zeit mit Kindern verbringen möchten. Bei „Werkstatt Modellbahn“, einem Projekt von „Spielen macht Schule“, ist der pädagogische Mehrwert dieses Hobby sicherlich ein wichtiger Aspekt. Auch hier registrieren wir eine rege Nachfrage von Schulen, was uns sehr freut, weil wir sehr geduldig waren.

Die Spielwarenmesse ist verschoben, die Modellbahnmessen gleich ganz abgesagt, das Vereinsleben runtergefahren. Wie hart trifft Sie diese Entwicklung oder können die sozialen Medien das halbwegs kompensieren? Faller sendet ja bereits live aus Gütenbach!

Horst Neidhard:

Das Format der Live-Sendung hat ja nicht nur Faller für sich entdeckt, sondern etliche Firmen aus der Branche. Es funktioniert recht gut. Das bestätigen auch meine Kollegen. Dennoch, wir bedauern es sehr, dass wir nicht auf die Messen können und es ist keine einfache Situation für uns. Die direkte Nähe zum Hobby und der Kontakt zu den Kunden sind besonders wichtig. Social Media ist schön und wir verkaufen auch online, aber der Fachhändler ist letztendlich ein Botschafter, den wir alle nicht missen wollen und wohl auch nicht missen können.

Hat das wirtschaftliche Folgen?

Horst Neidhard:

Wir dürfen hier nicht zu kurzfristig denken. Momentan sieht es für die Modellbahn und das Mobellbahnzubehör wirklich gut aus. Langfristig geht es aber um Emotionalität und Liveerlebnisse bei der Modellbahn und dem Modellbau. Dazu zählt einfach auch das Anfassen, der direkte Austausch. Wir sind keine Onlinebranche; wir sind auch Onlinebranche, aber mit viel Handwerk. Es ist wie bei Print. Ich möchte ein Buch in der Hand haben, das ich zwar auch mal online oder auf einem Reader lesen kann, nur mit dem Unterschied, dass unser Hobby mehr ist als Print.

Inwiefern?

Horst Neidhard:

Weil wir eine Modellbahnanlage nur offline erstellen können, was ja ihre besondere Faszination ausmacht. Klar, Gleisbaupläne lassen sich online mit einem Programm erstellen; man kann das Projekt filmisch umsetzen. Das alles macht Spaß, aber die händische Umsetzung einer Idee mit verschiedenen Technologien macht den großen Mehrwert aus. Ich bin extrem optimistisch, was unser Hobby angeht, und wir fiebern alle darauf hin, wieder auf Messen zu sein.

Sie sind Sprecher der 2017 gegründeten Fachgruppe Modellbahn, die 2019 mit www.wirmo-dellbahner.de in die Offensive ging. War der Druck am Ende so groß, dass selbst Wettbewerber gemeinsame Sache machen konnten und wollten?

Horst Neidhard:

Nein, es war nicht der Druck. Die Modellbahnbranche hat schon sehr früh immer wieder gemeinsame Projekte realisiert. Schon zu den Anfängen der Spielwarenmesse vor 70 Jahren gab es eine große Zusammenarbeit. Oder denken Sie an die IGEMA, die Gemeinschaft von Modellbahnausstellungen. Das Hobby lebt davon, dass es sehr bunt und vielfältig ist, gerade durch die kleineren Hersteller.


Aber es ist doch eine andere Qualität, dass man erstmals gemeinsam medial in die Offensive geht, wenn wir nur an den Spot mit dem Rocker denken!

Horst Neidhard:

Mein Eindruck ist eher, dass es auch innerhalb der Modellbahnbranche bei einigen Unternehmen ein Generationswechsel in den Führungsetagen gegeben hat. Diese Generation ist absolut offen für neue Ideen der Präsentation, z.B. die Nutzung von Social Media. Was einige Firmen schon entwickelt hatten, wollten wir mit der Imagekampagne in größere Power umsetzen. Es war also weniger Druck oder Not, sondern der Wille, frischen Wind in die Branche zu bringen.

 

wirmodellbahner Rocker-Spot

Viele Jahre kämpfte sie ums Überleben, das Image war im Keller. Schauen wir uns Ihre Website an, könnte man glauben, das Image dreht sich. Erleben wir eine Kehrtwende im Sinne von: Wenn die große Bahn der Klimaretter ist, ist die Modellbahn der letzte Spielplatz für alle Generationen?

Horst Neidhard:

Den Imagewechseln haben wir bereits ein Stück weit schon geschafft, aber ich gebe Ihnen Recht, dass es eine Zeit gab, wo wir ein extrem verstaubtes Image hatten. Das ist aber ein paar Jahre her. Das Hobby Modellbahn ist ein sehr offenes Thema, bei dem sich viele wiederfinden können. Das ist auch die zentrale Idee der Imagekampagne. Das Hobby wird oft unter völlig verschiedenen Aspekten betreiben. Der eine betrachtet es mehr unter technischen Gesichtspunkten, der zweite liebt das kreative Potenzial und der dritte will nur sammeln.

Das Jahr ist voll mit Gedenk- und Aktionstagen. Am 2. Dezember steht der Tag der Modelleisenbahn vor der Tür. Hat der uns noch gefehlt?

Horst Neidhard:

Das weiß ich nicht, aber wir nutzen ihn, um gemeinsam was auf die Beine zu stellen. Der Tag der Modellbahn bündelt die Aktivitäten. Er sollte uns aber nicht daran hindern, jeden Tag ein wenig Freude und Spaß zu haben und etwas Sinnvolles zu tun.

2016 fand er zum ersten Mal statt. Welches Fazit können Sie bisher ziehen?

Horst Neidhard:

Die Unternehmen, die daran teilgenommen haben, sind absolut zufrieden mit dem Tag. Der Zuspruch war gut. In einigen Firmen gab es Tage der offenen Tür; es gab Händler, die etwas organisiert haben. Die Rückmeldungen waren positiv.

Zugzielanzeiger nennt Webadresse vom Tag-der-Modelleisenbahn
Zugzielanzeiger nennt Webadresse vom Tag-der-Modelleisenbahn

Was haben die Hersteller oder die Initiative wirmodellbahner für 2020 geplant? Ein Tag der offenen Tür dürfte ja eher ausfallen.

Horst Neidhard:

Was die einzelnen Firmen entwickeln, werden sie auf der offiziellen Seite Tag der Modelleisenbahn oder auf www.wirmodellbahner.de ankündigen. Aufgrund der Pandemie wird allerdings nicht viel offline stattfinden können, aber das eine oder andere wird online realisiert. Jede Firma ist da frei, sich zu entscheiden, was sie machen will. Auch Faller plant etwas, in diesem Jahr natürlich kleiner. Wichtiger sind aber eigentlich die Aktionen der Modellbahnclubs und auch der Fachhändler, die sich auf dieser offiziellen Seite präsentieren können. Ihre Aktivitäten bringen die Modellbahn den Kindern und Familien näher. Die Pandemie wird allerdings wohl auch hier ihren Tribut fordern.

Unterstützt die Branche auch den Handel?

Horst Neidhard:

Sicherlich legen einige Unternehmen spezielle Angebote auf, um den Handel zu unterstützen. Das tun wir alle gerne. Der Tag der Modelleisenbahn lebt allerdings von der Eigeninitiative und nicht davon, was wir Hersteller tun. Wir sammeln die Ideen und engagieren uns überall dort, wo unsere Unterstützung gebraucht wird.

Soziale Medien spielen für die Branche inzwischen eine wichtige Rolle, aber auf diesen Seiten lande ich doch nur, wenn ich schon Modellbahner bin. Wann kommt dann der erste gemeinsame Spot? Es muss ja nicht direkt vor der Tagesschau sein!

Horst Neidhard:

Das wäre natürlich unser aller Wunsch, aber das Budget setzt auch uns Grenzen. Ich muss sie allerdings in einem Punkt korrigieren. Bei unseren Social Media-Aktivitäten sehen wir relativ gut, wo wir erfolgreich sind. Die größte Zielgruppe machen die 18- bis 54-jährigen aus. Der Peak liegt zwischen 25 bis 34 Jahren. Tatsächlich zeigt uns die Auswertung, dass wir nicht nur bei der bisherigen Community Aufmerksamkeit generieren, sondern auch in angrenzenden Bereichen. Das können wir relativ zielgenau erheben. Einige Social Media-Kanäle von Modellbahnern haben teilweise eine enorme Reichweite, die deutlich jüngere, nicht nur die klassischen Modelleisenbahnmessebesucher anlocken. Wir erreichen hier wirklich andere Zielgruppen.

Die Corona-Pandemie hat uns nicht nur unsere biologische Verletzlichkeit aufgezeigt, sondern auch die Fragilität von Lieferketten. Kehrt die Modellbahnproduktion zurück?

Horst Neidhard:

Das glaube ich nicht. Es wird wie in so vielen Branchen ein Sowohl-als-auch geben. Einige Unternehmen sind ja bereits in Europa aktiv. Für kleinere Unternehmen dürfte es ohnehin schwer sein, mal kurz in Deutschland oder Europa eine Produktion aufzubauen. Die Modeleisenbahnbranche wird nicht umhinkommen, im internationalen Markt als Produzent zu agieren.

Herr Neidhard, vielen Dank für das Gespräch.

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