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„Papa macht ganz“

Auch Spielzeuge haben ein Recht auf Reparatur
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Wirklich nachhaltiger Umgang mit Spielzeug braucht Zeit. Denn je länger Spielwaren genutzt werden, desto besser ist ihre ökologische Bilanz. Und wenn einmal etwas kaputt geht, genügen oft kleine Reparaturen, um die Funktionsfähigkeit wieder herzustellen. „Aber Spielzeug für Kinder gilt in unserer Gesellschaft häufig als Wegwerfprodukt,“ sagt Hans-Joachim Simon, „das ist eine sehr, sehr traurige Entwicklung“.

Hans-Joachim Simon, Spielzeug-Reparateur
Aus der Bitte seiner Kinder „Papa, mach ganz!“ entwickelte Hans-Joachim Simon seinen Spielzeug-Reparatur Markennamen. © Foto Hans-Joachim Simon 

Einfach akzeptieren wollte der 62 Jahre Informatiker diese Haltung nicht, als die eigenen Kinder klein waren und begeistert mit einer Eisenbahn der Lego-Marke Duplo spielten: Auf Flohmärkten kaufte der umweltbewusste Familienvater zusätzliche Gleise und Rollmaterial für die schnell wachsende Anlage. Manche Loks erwiesen sich aber als defekt. „Dabei ist diese klassische Spielzeugbahn doch ein sehr robustes Spielzeug. Und ich habe festgestellt, dass die Fahrzeuge oft problemlos zu reparieren wären, es aber kaum Ersatzteile gibt,“ erinnert sich Simon heute.

Mit Reparaturen zur großen Eisenbahnanlage

Aufgeben war für den begeisterten Tüftler keine Alternative. Als 8jähriger saß er schon erstmals am Computer und erprobte seine Geduld, als Teenager reparierte er Taschenrechner und vor dem Informatikstudium absolvierte er eine Ausbildung zum Elektroniker bei der Bundesmarine. Also analysierte er, welche technischen Probleme am häufigsten auftauchten – beispielsweise kaputte Zahnräder – und machte sich an die Lösung. Davon profitierte erst einmal die eigene Familie: „Ein halbes Jahr, nachdem ich mit den Reparaturen angefangen habe, hatten die Kinder eine riesige Eisenbahn im Dachgeschoss, auf der bis zu 14 Loks fahren konnten,“ erzählt Simon begeistert.

Eisenbahnanlage mit 14 Loks
Nach einem halben Jahr Lok-Reparaturen wuchs die Eisenbahnanlage auf 14 Loks an. © Foto Hans-Joachim Simon 

Aus der erfolgreichen Bitte der eigenen Kinder „Papa, mach ganz!“ entstand unter genau diesem Namen ein eigenes, nachhaltiges Geschäftsmodell: Seit rund zehn Jahren repariert Simon Kinderspielzeug im Kundenauftrag, der Schwerpunkt liegt nach wie vor auf Spielzeugeisenbahnen verschiedener Hersteller wie Lego, Playmobil und Brio. Drehscheibe ist dabei seine Webseite, über die Simon Reparaturen zum Festpreis, Ersatzteile und Reparaturanleitungen anbietet.

Eine Kultur des Reparierens

Wichtig für den von Mechanik begeisterten Informatiker ist, dass die Reparatur sowohl technisch erfolgreich ist und auch wieder einen sicheren Spielbetrieb erlaubt. „Mein Ziel ist es nicht, einen für Vitrinen geeigneten Zustand nahe dem Original herzustellen, sondern ein Kinderspielzeug für einen Zeitraum von mehreren Jahren wieder funktionstüchtig zu machen – ich bin eben wirklich Reparateur und kein Restaurator“.

Simon wünscht sich, dass sich eine Kultur des Reparierens im Land etabliert. Dafür sei ein Kulturwandel nicht nur bei den Herstellern, sondern auch bei Kunden nötig. Mit dieser Philosophie ist der Bonner nicht allein. Das zeigt der Trend der sogenannten Repair-Cafés, in denen erfahrene Bastler anderen Menschen bei der Reparatur technischer Geräte helfen. Auf mehr als 850 solche Cafés allein in Deutschland verwies die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in einem Bericht 2021. Entstanden ist die Bewegung Ende der 2000er-Jahre in den Niederlanden.

Mittlerweile hat auch der Gesetzgeber die Notwendigkeit erkannt, die Lebenszeit von Produkten durch die Reparaturfähigkeit zu verlängern. Das sogenannte „Recht auf Reparatur“ gilt seit vergangenem Jahr vor allem für elektrische und elektronische Haushaltsgeräte.

Netzwerke geknüpft

Im Mittelpunkt der Gesetzgebung steht die Anforderung an die Hersteller, Ersatzteile über längere Zeiträume vorzuhalten. Wie wichtig so etwas ist, weiß auch Hans-Joachim Simon: „Die Teilebeschaffung ist beim Reparieren oft ein Problem“, sagt der Gründer von „Papa, mach ganz!“. Deshalb hat er über Jahre ein Netzwerk geknüpft, zu dem beispielsweise ein Thüringer Hersteller von Messingritzeln gehört.

Und wenn frei nach dem Motto ‚selbst ist die Frau‘ oder ‚selbst ist der Mann‘ seine Kunden lieber selbst zu Schraubendreher und anderem Werkzeug greifen, als bei ihm Reparaturen in Auftrag zu geben? Dann freut sich Simon, dass er andere Menschen mit seiner Arbeit dazu angeregt hat. Und er fördert den Erfolg mit den entsprechenden Anleitungen: „Die müssen gleichermaßen detailliert und verständlich sein“, weiß er. Diese Anforderung kennt er aus seiner Laufbahn als IT-Experte, wo er unter anderem technische Dokumentationen erstellte.

„Entwicklungen wie das ‚Recht auf Reparatur‘ sind gut und wichtig“, sagt Simon, „aber die Konsumenten müssen diese Möglichkeit auch einfordern und nutzen“. Zum entsprechenden Bewusstseinswandel gehöre auch, beim Kauf von Spielwaren nicht ausschließlich auf den Preis zu achten, sondern viel stärker auf Qualität. Und die wiederum geht häufig mit Reparaturfähigkeit einher. 

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